Ernst machen mit dem Glauben

Predigt zum 7. Sonntag im Jahreskreis A (Mt 5,38-48)

„Ich sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.
Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.
Wer dir das Hemd nehmen will, dem lass auch den Mantel…“ (Matth  5, 40-44).
Klare, deutliche Worte. Klartext. Konkrete Anweisungen, verständlich für jedermann.
Aber gerade deshalb regt sich unwillkürlich Widerstand in uns:
„Also, so einfach geht das doch nicht! So kann man das doch nicht machen. Das kann man doch nicht verlangen…“ – Und wie die geheimen Einwände alle heißen.

Die heilige Edith Stein schreibt einmal über Elisabeth von Thüringen, die große Heilige der Nächstenliebe, die den Reichtum der Wartburg unter den Armen verteilte:
„Elisabeth tut eigentlich nichts anderes, als dass sie Ernst macht mit dem Glauben. Es sind die schlichten Worte des Evangeliums, die in ihr so wunderbare Wirkungen hervorrufen. Die Menschen in ihrer Umgebung kennen all diese Worte auch. Aber sie haben Augen und sehen nicht. Es fällt ihnen nicht ein, die göttliche Wahrheit in Lebenswirklichkeit umzusetzen“.
Genau so geht es uns auch. Wir nehmen sie nicht ernst, die göttliche Wahrheit. Wir lassen uns nicht ernsthaft ein auf das Wort des Herrn. Wir folgen nicht dem Rat Marias bei der Hochzeit zu Kana, der einfachen Regel, die das Wesen des Christseins zusammenfasst:
„Was er euch sagt, das tut!“ (Joh  2,5)

Bei uns dagegen geht es doch mit dem Wort des Herrn meistens so: Zum einen Ohr hinein, bestenfalls zwei Runden im Kopf – und dann auf der anderen Seite wieder hinaus. Und das Leben läuft weiter wie zuvor.
Damit verpassen wir aber eine große Chance: Dass wir ein wenig weiterkommen in unserer Entwicklung, dass wir neue Erfahrungen machen, dass wir wachsen als Menschen und Christen und auch in eine neue Freiheit hineinkommen, eine größere Freiheit vom eingefleischten Egoismus.
Liebe Gemeinde, wir sind nicht auf Erden, um ein Leben lang auf der Stelle zu treten!
„Wenn ein Kind alt wird, ohne zu wachsen, dann bleibt es kein Kind, sondern wird ein Zwerg. Ähnlich ist es im Glauben“ (Katharina von Siena).
Wenn wir keine geistlichen Zwerge bleiben wollen, sollten wir die göttliche Wahrheit des Evangeliums als Wachstumsimpuls nutzen. Und gerade das Gebot der Feindesliebe aus der Bergpredigt kann uns da weiterbringen:

„Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Matth 5, 44+45).
Ich sage das einmal mit anderen Worten:
„Schließe niemanden von deiner Güte und deinem Wohlwollen aus! Sag von keinem: Der nicht! Sei nicht nur gut zu denen, die es in deinen Augen verdient haben. Denn auch Gott, der Vater schließt niemanden aus von seiner Liebe. Und er nimmt auch dich an, obwohl du es vielleicht nicht immer verdient hast…“
Niemanden prinzipiell ausschließen – auch nicht den Unsympathischen, den Fremden, ja den Feind – das heißt: die Großmut Gottes nachahmen, das Herz weit machen, den Kreis des Lebens vergrößern, dass viele Platz haben und nicht nur die engsten Angehörigen und Freunde.

Das große, weite Herz gehört auch zu dieser goldenen Regel:
„Wer immer dich bittet, dem gib!“ (Matth 5, 42)
Behalte das Deine nicht für dich allein, sondern gib davon dem, der dich bittet, der deine Hilfe braucht. Dann bringt dein Geld wirklich Zinsen – auf der himmlischen Bank der Liebe. Werden wir dieses Wort im Hinterkopf haben, wenn uns das nächste Mal ein Bettler die Hand hinstreckt?

Was Jesus uns sagt, tun. Mit dem Evangelium ernst machen in den konkreten Herausforderungen und Begegnungen des Lebens: Das ist der Weg der Nachfolge Jesu, der Weg der Kinder Gottes, der Weg ins Reich Gottes. Und wenn man einmal angefangen hat, dann kann man weit kommen. So weit wie jener Erzbischof aus dem Irak, von dem ich dieser Tage las. Die christliche Minderheit im Irak ist einem grausamen Terror ausgesetzt. In den letzten Jahren wurden 1000 Christen getötet, darunter ein Bischof und 5 Priester.
Der chaldäisch-katholische Erzbischof von Kirkuk, Louis Sako, z.Z. in Europa, legte vor Journalisten ein bewegendes Bekenntnis ab:
„Vor drei Tagen, als ich in Italien war, habe ich gehört, dass in meiner Stadt in Kirkuk wieder ein Christ entführt worden ist. Da habe ich in der Nacht zwei Sätze niedergeschrieben: Ich bin jetzt wahrhaft bereit, wenn es auch mich trifft. Und ich würde den Islamisten vergeben, wie Jesus seinen Folterknechten vergeben hat, weil ich überzeugt bin, dass Gott auch meine Feinde liebt“.

Amen.